news
Intelligenz ist nicht der Hauptflaschenhals: Ein Essay gegen die AGI-Euphorie in der Medizin
Ruxandra Teslo, Genomik-Forscherin und Substack-Autorin, liefert einen scharfsinnigen Essay über einen Blindfleck in der SF-Tech-Szene: die Annahme, dass mehr KI-Intelligenz automatisch reale Probleme löst. Ausgehend von einem Dinner-Gespräch mit einem AI-Lab-Mitarbeiter, der mit Mitleid auf ihre Arbeit an regulatorischen Engpässen in der Medizin blickt, argumentiert sie: Intelligenz ist oft nicht der limitierende Faktor.
Das zentrale Beispiel ist Biomedizin. Eroom’s Law zeigt, dass die Pharma-R&D-Produktivität seit Jahrzehnten sinkt, obwohl die wissenschaftlichen Werkzeuge immer mächtiger werden. Klinische Studien kosten über eine Milliarde Dollar und dauern sieben Jahre pro Medikament – und sie sind kein reiner Formprozess, sondern generieren die menschlichen Daten, die bessere Modelle überhaupt erst trainieren würden. Selbst wenn AI die präklinische Forschung auf Null setzt, bleibt die regulatorische Pipeline der Flaschenhals. Das Beispiel von “Baby KJ” – einem Säugling, der durch maßgeschneiderte Gentherapie gerettet wurde – illustriert das: Die Wissenschaft funktioniert, aber Herstellungskosten und regulatorische Anforderungen verhindern die Wiederholung für das nächste Kind.
Interessant auch der China-Vergleich: Chinesische Biotechs haben in einer Dekade von 0% auf über 50% der Lizenzdeals mit westlicher Pharma aufgeholt – nicht durch bessere Grundlagenforschung, sondern durch regulatorische Reformen, die schnellere iterative Studien ermöglichen. Der Essay ist kein Anti-AI-Stück, sondern eine Erinnerung, dass Governance, Datenzugang und politischer Wille oft härtere Engpässe sind als reine Intelligenz. Pflichtlektüre für alle, die AGI als Allheilmittel sehen.